Hans Gyde-Petersen: »Adam und Eva nach dem Sündenfall«

»Adam und Eva« vom Bildhauer H. Gyde-Petersen; hist. Postkarte (B. M. & Cos. Forlag)

Hans Gyde-Petersen (1863 – 1943) war ein dänischer Bildhauer und Landschaftsmaler. Von 1882 bis 1888 studierte er an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Kopenhagen. Es folgten zahlreiche Auslandsaufenthalte, zum Beispiel in Frankreich, Italien und den USA. Als Bildhauer orientierte er sich stark am französischen Naturalismus der 1870er und 1880er Jahre. Seine Werke findet man in der Ny Carlsberg Glyptotek sowie im Staatliches Kunstmuseum (Statens Museum for Kunst) in Kopenhagen.

Sein bekanntestes Werk ist die Skulptur »Adam und Eva nach dem Sündenfall« (dänisch: »Adam och Eva efter syndafallet«). Die verängstigten Stammeltern der Menschheit kauern und klammern sich aneinander. Es erwartet sie die Vertreibung aus dem Paradies.

Der deutsche Schriftsteller Johannes Schlaf (1862 – 1941) war ein bedeutender Vertreter des deutschen Naturalismus. Als Übersetzer machte er die Werke von Walt Whitman, Émile Verhaeren und Émile Zola im deutschsprachigen Raum bekannt. Den Mythos um Adam und Eva verarbeitete Schlaf in drei Gedichten, die sehr gut zur vorliegenden Statue passen. Das Lesen lohnt.

 

Adam und Eva – I.

1. Adams Erwachen

Ich sehe Adam liegen,
In seiner ersten Stille.
Welch‘ seltsamsten Herzschlag hör‘ ich klingen?
Welch‘ Zaudern?
Und was stockt hier für ein Wille?

Der junge Riese ruht auf grünender, blühender Erden.
Noch krank, so schwer noch befangen.
Doch im Werden.
Stets im Werden.

Noch tiefe Nacht.
In tiefer Nacht,
Da wo Ahnung letzter Stille stockt –
Nichts als solchen Herzens seltsamster Pulsschlag
Und dies Lied:

Kennst Du den Feigsten der Feigen?
O, den Erkorenen!
Den Feigen ohne Gleichen?
Den schon Geborenen!
Du bist in seinen Bereichen.
Bist im Schweigen.

Herz! Herz!
Mit diesem zuckenden, stoßenden Wiegentakt!
Du und die Stille!
Du vor der Stille!
Die Stille und ihr Selbstfliehn,
Und ihr suchender Wille!

Dies bestehn?`
Dies sehn?
Sehen wissen.
Warten!

Warte, Wissender!
Du kommst!
Kommst tief aus Dir
Zu Dir!
Und die ewig müssen und wissen kommen!

Das aber wird nur dem Lacher,
Dem Helden tiefster Feigheit frommen. –

Er kommt! Sie kommen!
Bauen neu alten sichren Trug
Um das eine schwere, alte Wort der Stille,
Zu dem sie kamen.
Das sie vernahmen.

Noch ist es ganz Mutterton,
Der Mütter Ton für den Verlorenen, den Erkorenen,
Den Sohn.

„Ja, da sind wir!
Nicht: wie lang und bang unsre Nacht?
Ja, und lache!
Länger nicht als am längsten.
Bänger nicht als am bängsten.
Und nun sieh, wohin Leid stockte,
Und was Leid lockte.

In diesen dunklen Armen, Sohn!
Aus diesem Ton,
Lausch‘, erschau‘, was unendlich beschränkt,
In sich bedingt und nie verhängt.

Nun, was war‘s denn?
Er muss kommen!
Und so kommt Phöbus!
Mit seinen alten, alten, alten urgewissen Tagchören,
Den gleichen und – neuen.
Lenzhoren mit Blumen- und Glanzgewinden,
Mit Vogellied und Schalmeien.
Immer und immer als solcher aus solchen Herztakt geboren.

Phöbus und die Tagchöre!“

Und es erwacht der Sohn,
Und er lacht schon:

„Ja, das war das zwischen uns wachsende Schweigen!
Doch wollen wir betonen:
Schweigen müssen!

Ach, wie hasst ich euch, ihr, dahinten!
Ach, ganz ganz fern, wie fern da hinten:
Scheinen da nicht Wogen zu gehen?
Scheinen da nicht Stürme zu wehen?
Scheinen da nicht Sagen zu raunen??
In tiefen, tiefen, tiefen Dämmerungen?
Im nun lieblich-luftigen Märchenbraunen?

Bausen, sausen. Heimlich-heimisch.
Groß nun Vollendetes!
Bausen, sausen. Heimlich-heimisch.
Wiegend, tragend!
Totenchöre!
Auch sie: losgebunden!
Selige Gesänge nun, fremde.
Befreit wir beide.

Alle sind sie abgewehrt!
Ihre Namen sind gemessen!
Schuld ist vergessen!
Alle sind sie aufgezehrt!

Ach, wie hasst‘ ich, hasst‘ ich euch!
Mit solchem Hass: wie tief fasst‘ ich euch!

Ich hasste euch für eures Spottes raue Lehren;
Doch, in welch‘ lachendes Dankwissen
Musste solcher Hass sich kehren!

Aber von diesen neuen Tagchören,
Nach denen ihr doch so Begehr trugt`
Begehr, das ihr in mir mit mir bis hierher trugt,
Dürft ihr nichts hören!

Sie können durch ihr Schweigen
Nie zu euch herniedersteigen,
Und ihr könnt sie nie erreichen. –

Doch ist dies ein vorbestimmtes, notwendige Auseinanderweichen,
Des Einen und Gleichen! –

 

Adam und Eva – II.

2. Die Betörung

Aus der Schar der Mütter, der weisesten Frauen,
Die oben erst, starr, doch nun schon und für immer,
vertraut, um den Gipfel eines Ölbergs,
Eines Ölbergs grauen,
Trat sie hervor und kam herab, ein Wunder zu schauen,
Durch wirkend brütendes, feierliches Graugewölk seltsam
fröhliche Unruhe, ein siegreicher Sonnenstrahl;
Und kam zu Tal.
Nackt und lachend, ganz ein jungjunger Maientag,
Kam sie weilend jetzt, langsam, sinnend, nun hüpfend, mit
muntren und stockenden Spielen, trällernd jetzt und
seufzend dann, singend und mit Silberjauchzen
Durch den Granatblütenhag;

Langsam. Nahte. – Der Mütter Mutter! Eva! Eva!
Aus der Schar der Weisesten, der Grauen,
Die Älteste der Alten selbst, die Jungfrau.

Denn es war Sein Jahr; das große große Jahr,
Da alle, alles Bäume voll Früchten hingen;
Da alles, alles in seiner Erfüllung stand;
Da die Lämmer mit den Tigern auf der Weide gingen.

Nie zitterte Witz, Wort, Schlange so gepresst,
So ruhend, in sich selbst hinab,
Schlummernd, rastend in tausend farbigsten, müßigsten, lustigsten Spielen;
Wohin zu zielen? –

Zittert in Ihm,
Im Schlummernden auf grüner blühender Erden,
Im Adam-Lucifer,
Denn nur zur süßesten Betörung erwachenden.

Das Jahr der großen glühenden lachenden Blumen;
Ja, und – der Papageien – – –
Der Spiele zwischen den Kallen und Orchideen;
Das Jahr der Fülle.

Sie kam. Sie bot.
Dies, dies. Dies alles!

Lachend und mit Silberjauchzen; doch seufzend auch –
Vom Berg herab, vom Ölberg,
Durch den prangenden Granatblütenhag;
Durchs Jahr,
Durch große, große, jubelnde Jahr. –

Kam! Bot!
Und sie spielten …

*

Und langsam, aus Spielen gedunkelten Wissens, vergessenen,
Aus Wirbel, Jubel, Reigen der Früchte, der Unschuld, des Rastens,
Da alles, alles, alles erfüllt, vergessen und verändert war:
Langsam, still, heimlich, klein‘ Neu-Beginnen. –

Und Schlange, Witz, Wort da.
Erwachend. Schon wispernd.
Leis-leises Anfangswort.
Schlange da.
Ringelt um Baum; Granatbaum.
Reicht Apfel.
„Und sie nahm.“
„Und er nahm und aß auch davon.“

Und der Cherub mit dem bloßen, hauenden Schwerte.
Wie’s Bestimmung war.

 

Adam und Eva – III.

3. Das Wunder

Weißer Schneesturm, der im Grauen
Grimmig wütet, und erbost
Hier vor meinem Fenster tost:
Ein Gesicht lässt Du mich schauen,
Und ich wills das große Wunder nennen. –
Denn von Bibelfabelreichen
Darf Bedeutung ohnegleichen
Jetzt ich trennen;
Zeitlos ewiges Geschick,
Offenbar in Gegenwart und Augenblick. –

Seh‘ ich klar und seh‘ ich wahr?
Ist’s doch wie das große Jubeljahr!
Sind dies nicht die ew’gen Beiden,
Dort auf fernen Winterheiden:
Rodion Romanowitsch, Grübler, Sträfling, Paria;
Und die Sonderbare bei ihm da,
Um die ich schon frömmste Ehrfurchtstränen weinte:
Mörder und Dirne! –
Esonia, ihm geschickverbunden: siehe, leitend!
Mystisch Wissendste um Dunkelpfad; bereitend
Gnadenwahl und Neugeburt; Mutter, Magdalene und Maria!

Dies das Wunder! Dies! Nur dies!
Adam-Lucifer! Sein Paradies!

Mörder, im Bettlerkleid zerrissen,
Und geleitet von Liebe, preisgegeben nackester,
Vom ewigen, mütterlichsten Wissen;
O, auf ewig Seinen Wegen,
Welchem Morgenrot entgegen? …

Johannes Schlaf

 

— dh —