Amor und die Kunstfreundin

»Die Kunstfreundin« von Carl Zewy, hist. Kunstkarte, Galerie Wiener Künstler (Nr. 1285)

Amor und Psyche.

(Eine berühmte Gruppe.)

Die Hand, die dieses holde Haupt berührt,
Und still hinab es zum Geliebten führt;
Der leise Hauch, der um die Lippe schwebt
Und sanft den Arm und sanft den Busen hebt;
Der Blick, der nicht zur Sprache werden kann:
Denn Seelen schau’n sich in einander an;
Indeß sich Herz zum Herzen schüchtern drängt
Und Geist an Geist, an Lippe Lippe hängt;
Der nur verlangend-süßeste Genuß
Des Wiederfindens – seht, ist dieser Kuß.
Es schwebt in ihm des Himmels reinstes Glück;
Anschauend tretet, tretet still zurück.

F.

 

Die Figur auf dem Kaminsims ist eigentlich nicht zur Ablenkung des Zimmermädchens gedacht. Es soll das Zimmer machen, vorsichtig die Skulptur abstauben und schnell zurücktreten. In einem unbeobachteten Moment widmet sich das junge Fräulein aber lieber der bildenden Kunst. Sie studiert fasziniert die Liebesszene, in der ein geflügelter Gott eine wunderschöne Frau umarmt. Sie weiß nicht, dass sie eine Replik des berühmten Werkes »Amor und Psyche« von dem italienischen Bildhauer Antonio Canova (1757 – 1822) vor sich hat. Sie kennt auch nicht die Geschichten um die mythische Liebesbeziehung zwischen dem Gott Amor, auch Cupido genannt, und der sterblichen Königstochter Psyche. Und auch in der nächsten Situation lässt sich das Zimmermädchen gerne von ihrer Neugier verleiten …

Die beiden Bilder »Die Kunstfreundin« und »Die Neugierige« stammen vom Wiener Maler Carl Zewy (1855 – 1929) und zeichnen sich durch sanfte Ironie aus. Zewy studierte an den Akademien in Wien und München und hatte mit Genremalerei sowie Buchillustrationen Erfolg.

Übrigens: Die Chiffre »F.« wird Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) zugeschrieben. Sein Gedicht »Amor und Psyche« erschien erstmals im Musen-Almanach für das Jahr 1800. Der damalige Herausgeber war Friedrich Schiller.

— dh —