Brunnenburg: »Hieratic Head of Ezra Pound«, Gaudier-Brzeska

»Hieratic Head of Ezra Pound« von Henri Gaudier-Brzeska (1891 – 1915)

„Don’t mind what people say to you, find out what you have in yourself and do your best, that is the only hope in life.“

Henri Gaudier-Brzeska (1891 – 1915), französischer Bildhauer

 

Die »Brunnenburg« (italienisch: Castel Fontana) gehört zu den magischsten Orten Südtirols. Die mittelalterliche Hangburg wurde um das Jahr 1250 von dem Tiroler Adelsgeschlecht der Taranten erbaut und steht etwas unterhalb von »Schloss Tirol« in Dorf Tirol bei Meran. Um 1900 befand sich die Burg im Ruinenzustand, wurde jedoch von dem deutschen Industriellen Karl Schwickert im historisierenden Stil wiederaufgebaut. Nach seinem Tod im Jahr 1927 verfiel sie erneut. 1955 erwarb das Ehepaar Mary und Boris de Rachewiltz das Anwesen. Die Brunnenburg wurde behutsam restauriert und im Laufe der Jahre entstand dort ein Zentrum kultureller Begegnungen. Mary de Rachewiltz (* 9. Juli 1925 in Brixen, Südtirol) ist die Tochter des Dichters Ezra Pound (1885 – 1972) und der Violinistin Olga Rudge (1895 – 1996). Pound lebte von 1958 bis 1962 auf der Brunnenburg und beendete dort sein Hauptwerk The Cantos. Auch heute ist die Brunnenburg Sitz der Familie de Rachewiltz und beherbergt ein landwirtschaftliches Museum sowie ein internationales Studienzentrum und die Gedächtnisstätte Ezra Pound.

Bei meinem ersten Besuch auf der Brunnenburg im Jahr 2014 war ich sofort von der markanten Büste fasziniert, die den amerikanischen Dichter Ezra Pound darstellt. Sie steht auf einer begrünten Terrassenfläche vor der malerischen Burg, eine zusätzliche Gipskopie befindet sich in den Räumlichkeiten der Gedächtnisstätte. Es handelt sich um das sensationelle Werk »Hieratic Head of Ezra Pound« (1914) von dem französischen Bildhauer Henri Gaudier-Brzeska (1891 – 1915). Das marmorne Original (90,5 x 45,7 x 48,9 cm) befindet sich seit 2009 in der National Gallery of Art in Washington. Das Adjektiv »hieratisch« bedeutet ursprünglich „priesterlich“, in der bildenden Kunst „streng“ oder „starr“. Die Büste war lange Zeit im Privatbesitz von Ezra Pound. Gaudier-Brzeska und Pound lernten sich in London kennen und gründeten gemeinsam mit anderen Künstlern die avantgardistische Kunstrichtung »Vortizismus«. Der junge Franzose besaß keine bildhauerische Ausbildung und fand vielleicht deshalb sehr schnell seinen eigenen Stil: direkt, dynamisch, modern. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zur Französischen Armee. Henri Gaudier-Brzeska wurde mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet und fiel 1915, im Alter von 23 Jahren, bei Neuville St. Vaast.

Ezra Pound verabschiedete sich von seinem Freund, den er gerne mit dem Spitznamen »Brzx« ansprach, mit folgenden Worten:

„A great spirit has been amongst us, and a great artist is gone.“

— dh —