Freundlicher »Herr« mit Frauenakt

Ein »Herr« steht vor einer Bronzeskulptur; Original-Fotografie der 50er/60er Jahre

In den Anfangsjahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland gab es noch den klassischen »Herrn«. Ein »Herr« achtete auf seine Kleidung, investierte in Bildung, wusste um seinen Stand und war höflich bis bestimmend zu seinem Umfeld. Später verschwand dieser Menschentypus und »Herr« war nur noch eine Form der Anrede für Männer.

Die alte Fotografie zeigt so ein fast ausgestorbenes Exemplar: ein freundlicher »Herr« mit Hornbrille und schwerem Ring steht neben einem Frauenakt aus Bronze. Mich erinnert er an den Deutschbalten Heinz Erhardt (1909 – 1979) oder an den Brandenburger Gottfried Benn (1886 – 1956). Da beide »Herren« dichten konnten, wollen wir uns eine Kostprobe ihrer Lyrik gönnen:

 

Der rötliche Mars und die Venus

Früher zogen Mars und Venus —
wann es war, kann man nur ahnen —
eng beieinander und in Liebe
ihre vorgeschrieb’nen Bahnen.

Plötzlich kam ein Fremder Körper,
der sich zwischen beide zwängte
und den Mars von seiner Venus —
oder umgekehrt — verdrängte.

Dieser Fremdling war die Erde!
Und sie machte sich noch breiter,
und der Mars entschwand der Venus —
immer weiter, immer weiter.

Und die Sehnsucht nach der Freundin
hat den Mars schon fast getötet;
doch, erblickt er sie von ferne,
sehn wir, wie er zart errötet …

Heinz Erhardt

 

Leben — niederer Wahn

Leben — niederer Wahn!
Traum für Knaben und Knechte,
doch du von altem Geschlechte,
Rasse am Ende der Bahn,

was erwartest du hier?
immer noch Berauschung,
eine Stundenvertauschung
von Welt und dir?

Suchst du noch Frau und Mann?
ward dir nicht alles bereitet,
Glauben und wie es entgleitet
und die Zerstörung dann?

Form nur ist Glaube und Tat,
die erst von Händen berührten,
doch dann den Händen entführten
Statuen bergen die Saat.

Gottfried Benn

 

Herrlich.

— dh —