Karl Kowalczewski: »Der Eremit«

»Der Eremit« von K. Kowalczewski; hist. Postkarte vom Weltpostverein (G. H. & K.)

„Der höchste Grad von Individualität wird erreicht, wenn jemand in der höchsten Anarchie sein Reich gründet als Einsiedler.“

— Friedrich Nietzsche, »Fragmente 1880 – 1882«

 

Der Begriff »Eremit« leitet sich vom griechischen Wort »érēmos« ab, welches „Wüste“ oder „unbewohntes Land“ bedeutet. Ein Eremit ist somit ein in der Einsamkeit lebender Wüstenbewohner. Im Deutschen bezeichnen wir diesen Menschentypus auch als »Einsiedler«. Ursprünglich wurde der Begriff Eremit nur auf Christen angewendet, die religiöse Motive für ihre Lebensweise anführten. Auch die Wüstentheologie des Alten Testaments spielt eine Rolle: denn die vierzigjährige Wüstenwanderung der Israeliten nach der ägyptischen Gefangenschaft steht metaphorisch für eine Wandlung im Geiste und im Herzen. Das »Eremitentum« gehört zu den ältesten Formen gottgeweihten Lebens und ist zugleich die früheste Variante des Mönchtums in Europa. Aus vielen Einsiedeleien oder »Eremitagen« entstanden Klöster und Ortschaften.

Die wunderbar gelungene Skulptur »Der Eremit« aus dem Jahr 1905 stammt von dem Berliner Bildhauer Karl Kowalczewski (1876 – 1927). Er studierte an der Preußischen Akademie der Künste und war Meisterschüler von Ludwig Manzel (1858 – 1936). Seine Statue macht das Erscheinungsbild und die Ausstrahlung eines Eremiten greifbar. Aus dem würdevollen Äußeren leiten wir Eigenschaften wie zum Beispiel Weisheit, Bescheidenheit und Gottesfurcht ab.

Die deutsche Dichterin Maria Luise Weissmann (1899 – 1929) schuf folgendes Gedicht, das die mystische Weltversunkenheit eines »Einsiedlers« beschreibt:

 

Der Einsiedler

Er hatte seit Jahren nicht mehr gesät
Verstreut noch reifte ihm das Getreide
Zuletzt ließ er den Hafer ungemäht
Sein Pferd verlor sich auf der Weide.

Er brach eine Zeit noch Beeren vom Ast
Als müßte er einen Hunger stillen
Dann vergaß er auch diese letzte Last
Um seiner tieferen Ruhe willen.

Er saß vor der Hütte bei Tag und Nacht
Die Hütte verfiel in Wind und Regen
Allmählich wuchsen die Gräser sacht
Seinen Füßen und Knien entgegen

Und wuchsen langsam durch seine Hand.
Er ward wie ein Sieb, ohne Außen und Innen.
Gleichmäßig und ganz ohne Widerstand
Konnten die Jahre durch ihn rinnen.

Maria Luise Weissmann

 

Das Grab der früh verstobenen Lyrikerin Weissmann befindet sich auf dem Waldfriedhof in München.

— dh —