Prof. Rudolf Maison: »Odin«

»Odin« von Prof. Maison, München; Original-Fotografie von H. C. Stöckel (1931)

Der »Odin« von Prof. Rudolf Maison ist für mich ein absolutes Meisterwerk. Blick, Sitzposition, der gesenkte Speer, der Götterthron »Hliđskialf« (Schelf des Mitgefühls), die zwei Raben »Hugin« (der Gedanke) und »Munin« (die Erinnerung). Hier stimmt einfach alles. Das Urteil der heutigen Kunsthistoriker interessiert uns nicht. Im Lied »Grímnismál« spricht Odin, der Rabengott, folgende Worte:

„Hugin und Munin müssen jeden Tag
Über die Erde fliegen.
Ich fürchte, dass Hugin nicht nach Hause kehrt;
Doch sorg ich mich mehr um Munin.“

Durch seine beeindruckenden Werke wird uns der deutsche Bildhauer Rudolf Maison (* 29. Juli 1854 in Regensburg; † 12. Februar 1904 in München) gerne in Erinnerung bleiben. Der Sohn eines Schreiners, studierte in München Architektur und Bildhauerei und war seit 1887 Mitglied der pflichtschlagenden Studentenverbindung »Corps Transrhenania«. Für den bayerischen Märchenkönig Ludwig II. durfte er den Pegasus-Brunnen für das Neue Schloss Herrenchiemsee gestalten. 1891 wurde ihm schließlich der Titel Professor verliehen.

Genießen wir nach der Betrachtung des germanischen Göttervaters, der auch Gott der Dichtung, der Runen und der Magie ist, folgendes Gedicht:

 

Odin und die Nornen

Über des Chaos noch ruhenden Wogen
Saßen um Odin die webenden Drei,
Und die Geschicke die künftigen zogen
An den gewaltigen Thronen vorbei.

Alles Verhüllte, noch Ungeword’ne
Schaute der Gott in leuchtendem Traum;
Ob er gestaltend zu Formen es ordne,
Wog er die Zeit und maß den Raum.

Aber die Nornen sie spannen und woben
Seine Gedanken zu Wirklichkeit;
Siehe, was glänzte da funkelnd oben
Plötzlich im Schoße der Dunkelheit?

War der Stern der Liebe gekommen?
Schon bei seinem ersten Strahl
Rauschte das dämmernde Meer erglommen,
Brauste das schweigende Felsenthal.

Doch mit Schmerz und erhobenem Zorne,
Aus dem vergessenden Sinnen erwacht,
Sprach der Vater der Dinge zur Norne:
Unglücksel’ge was hast du vollbracht?! –

Siehe! sie werden, die Wesen entstehen,
Jammer und Elend und Klage beginnt,
Wehe, nun soll mir Alles vergehen,
Was dein verwirrender Faden entspinnt:

Täuschung nur bringen die flüchtigen Stunden,
Bang nur von jenem Stern erhellt,
Bis du den Faden wieder gefunden,
Den ich ersann, zu vollenden die Welt!

Hermann von Lingg  (1820 – 1905)

 

— dh —