Francis Derwent Wood: »Echo«

»Echo« vom Bildhauer F. Derwent Wood (1871 - 1926); hist. Postkarte (Ediz. Cav. Fiorentini, Venezia)

Francis Derwent Wood RA (1871 – 1926) war ein britischer Bildhauer und von 1918 bis 1923 Professor am Royal College of Art (RCA). Diese Londoner Universität gilt heute als weltbeste Hochschule für Kunst und Design. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Wood bereits zu alt für die Einberufung zum Britischen Heer, er meldete sich jedoch freiwillig zum medizinischen Dienst im Third London General Hospital. Dort entwickelte er sich zum Pionier auf dem Gebiet der Gesichtsprothesen. Statt Gummimasken schuf er ästhetische und extrem leichte Masken aus Kupfer. Diese wurden in wochenlanger bildhauerischer Arbeit an die Gesichtsverletzungen der Soldaten angepasst und ermöglichten den entstellten Kriegsversehrten den Wiedereintritt in das gesellschaftliche Leben. Die wunderschöne skulpturale Darstellung der »Echo« stammt von ihm.

In der griechischen Mythologie ist »Echo« eine Tochter der Gaia und die Oreade (Bergnymphe) des Berges Helikon (Sitz der Musen). Nach ihr ist das Phänomen des Echos bzw. des Widerhalls benannt. Echo erhielt von Zeus den Auftrag seine Gattin Hera mit dem Erzählen von Geschichten zu unterhalten, so konnte er sich ungestört seinen Liebesabenteuern widmen. Als Hera diesen Betrug erkannte, beraubte sie Echo zur Strafe der Sprache und ließ ihr lediglich die Fähigkeit, die letzten an sie gerichteten Worte zu wiederholen. Aus diesem Grund konnte sie dem schönen Jüngling Narziss nicht ihre Liebe gestehen. Dieser verschmähte dadurch ihre Umarmung und demütigte Echo zutiefst. Sie floh in eine Höhle, aß nicht mehr und verkümmerte, bis nur noch ihre Stimme übrig war. Ihre Gebeine verwandelten sich zu Felsen mit dem Aussehen einer bezaubernden Bergnymphe. Bis heute wirft Echo den Schall zurück.

Der deutsche Schriftsteller Karl Streckfuß (1778 – 1844) schildert uns das Schicksal der Echo in folgenden Worten:

 

Echo

Stolz in seiner Schönheit Blüthe,
Wild in seiner Jugend Macht,
Sehnt Narciß sich nicht nach anderm Glücke,
Fragt nicht, ob in holdem Blicke
Ihm der Liebe Zauber lacht.
Doch für seinen Reiz entglühte
Längst die zarteste der Schönen,
Liebevoll, mit heißem Sehnen
Denkt sie sein bey Tag und Nacht.

Und sie folget ihm von ferne
In die Thäler, in den Wald,
Folgt ihm leise nach mit bangem Schweigen,
Wagt es nicht, sich ihm zu zeigen,
Birgt ihm schüchtern die Gestalt.
Ach! wie sagte sie so gerne,
Was in ihrem Busen lebet,
Doch wenn Sehnsucht vorwärts strebet,
Fesselt sie der Furcht Gewalt.

Und so lauscht sie seiner Rede,
In der Büsche Nacht versteckt,
Lauschet sorglich jeglicher Bewegung,
Oft von wunderbarer Regung
Tief im Innersten erschreckt.
Ihr ist selbst der Frühling öde,
Wo sie nicht den Holden siehet,
Doch ein Zauberland erblühet,
Wo sie zitternd ihn entdeckt.

Einst in der Gefährten Mitte
Sieht sie den Geliebten stehn.
Liebe treibt sie, ihm ans Herz zu sinken,
Und sie sieht den Jüngling winken,
Höret seine Stimme wehn. —
Aus dem Busch mit raschem Schritte
Eilt sie, ihm ans Herz zu fliegen,
Sehnend sich an ihn zu schmiegen,
Glaubt vor Wonne zu vergehn.

Doch nicht ihr hat er gewinket,
Und er flieht erstaunt zurück.
Ach! von ihrer Lust, von ihren Schmerzen,
Fühlt er nichts in seinem Herzen,
Kalt und düster ist sein Blick.
Und in Reu und Schaam versinket
Die Betrogne, sie entfliehet,
Doch im Innersten durchglühet
Sie das süß erträumte Glück.

In der Berge tiefste Klüfte,
Zu den schroffsten Felsen trägt
Sie der Liebe Harm, das treue Sehnen —
Einsam lauscht sie seinen Tönen,
Und wenn fern ein Laut sich regt,
Läßt ihn leise durch die Lüfte
Die Betrogne wiederschallen;
Hört sie dann den Ton verhallen,
Wird ihr Busen neu bewegt.

Und so schwand ihr zartes Leben,
Und ihr treues Auge brach;
Doch ihr Sehnen blieb den düstern Klüften,
Ihre Stimme noch den Lüften,
Wird bey jedem Rufe wach.
Und wenn Töne sich erheben,
Wähnt sie, daß der Liebling rede,
Und so lispelt aus der Oede
Sie getäuscht die Worte nach.

Karl Streckfuß

 

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