»Medusa« riefen wir an …

»Medusa« vom italienischen Bildhauer Gian Lorenzo Bernini (1598 – 1680); Foto: Ediz. Sam. Milano

»Medusa« riefen wir an
den Grund zu versteinen; ihr Schild,
Abwärts gekehrt,
härtete vor uns den Pfad
Zoll für Zoll;
der Boden gesträubt
Da stoßen die Köpfe vom Schild,
zischend, abwärts gekehrt,
Äsend an Maden.
Halb-ohnmächtig Gorgos Gesicht,
Die Vipernzungen
grasen den Odel ab,
Hämmern und härten den Brei;
das schmale Joch,
Nur halb so breit wie eine Schwertschneide,
über dem durch unsägliche Greuel,
Ausgleitend bald, bald festgekrallt,
wir uns hielten kraft dem gefeiten Schild.

Ezra Pound, XV

Cantos I – XXX, deutsche Übersetzung: Eva Hesse, Verlag der Arche Zürich, 1964

 

Diese unglaublichen Zeilen stammen aus der wohl wichtigsten Dichtung des 20. Jahrhunderts: »The Cantos«. Der amerikanische Dichter Ezra Pound (1885 – 1972) wollte mit seinem Hauptwerk Dantes »Göttliche Komödie« übertreffen. In dieser Passage beschwört er die Gorgo Medusa.

Gorgonen sind geflügelte Schreckgestalten mit Schlangenhaaren aus der griechischen Mythologie. Es gab drei von ihnen: Stheno, Euryale und Medusa. Medusa war ursprünglich von betörender Schönheit, wurde jedoch von Pallas Athene für eine Tempelschändung bestraft und in eine abstoßende Gorgo verwandelt. Ihr Anblick verwandelte jeden Mann zu Stein. Sie war die einzige sterbliche Gorgo und wurde schließlich von Perseus enthauptet.

Der italienischen Bildhauer und Architekt Gian Lorenzo Bernini (1598 – 1680) schuf seine berühmte »Medusa« um das Jahr 1630. Mit dieser Büste aus Marmor zeigt er uns mehrere Aspekte des Medusa-Mythos. Die Fähigkeit Männer in Stein zu verwandeln (Material: Marmorstein), die Enthauptung durch Perseus (Büste) und ihre ursprüngliche Schönheit (feine Gesichtszüge). Dieses bildhauerische Meisterwerk kann man heute in den »Kapitolinischen Museen« in Rom bewundern.

— dh —

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