Rudolf Pohle: »Tantalusqualen«

»Tantalusqualen« vom Bildhauer Rudolf Pohle; historische Postkarte, Verlag Photochemie, Berlin

Das wunderbare Relief »Tantalusqualen« vom deutschen Bildhauer Rudolf Pohle (* 19. März 1837 in Berlin; † unbekannt) lässt mich bitter lächeln. Zwei Gottheiten, wahrscheinlich Hermes und Aphrodite, treiben Schabernack mit einem kleinen Faun. Sie quälen den kleinen Nimmersatt mit der Aussicht auf süße Trauben. Doch Hermes, der auch als Hirtengott verehrt wurde, fordert Mäßigung und Einsicht vom heranwachsenden Satyr. Diese kleine Szene ist natürlich nur eine satirische Anspielung auf die wahren »Tantalusqualen« der Tantaliden.

Tantalos, ein sterblicher Sohn von Zeus, war ein reicher und mächtiger König zu Sipylos in Phrygien. Aufgrund seiner hohen Abstammung pflegte er engen Umgang mit den olympischen Göttern und durfte an vielen göttlichen Geheimnissen teilhaben. Doch der eitle Stammvater der Tantaliden fing an gegen die Götter zu freveln. Er bestahl sie, verriet ihre Geheimnisse und stellte ihre Allwissenheit auf die Probe: Für ein göttliches Gastmahl ließ er seinen jüngsten Sohn Pelops schlachten und zubereiten. Doch nur Demeter aß von dem abscheulichen Gericht ein Schulterblatt. Die übrigen Götter merkten den Greuel, warfen die zerstückelten Glieder des Knaben in einen Kessel, und die Moira Klotho zog ihn schön und heil wieder hervor. Die verzehrte Schulter wurde durch eine aus Elfenbein ersetzt.

Nun verstießen die zürnenden Götter Tantalos auf ewig in den Tartaros und peinigten ihn dort mit den sprichwörtlich gewordenen »Tantalosqualen«. Zuletzt verfluchten sie sein Haus, so dass das Geschlecht der Tantaliden für immer von innerfamiliären Morden beherrscht sein sollte. Eine lange Kette von Gewalt und Verbrechen wurde damit ausgelöst, die erst mit dem letzten Tantaliden Orest ihr Ende fand.

„Auch den Tantalos sah ich, mit schweren Qualen belastet.
Mitten im Teiche stand er, den Kinn von der Welle bespület,
Lechzte hinab vor Durst, und konnte zum Trinken nicht kommen.
Denn so oft sich der Greis hinbückte, die Zunge zu kühlen;
Schwand das versiegende Wasser hinweg, und rings um die Füße
Zeigte sich schwarzer Sand, getrocknet vom feindlichen Dämon.
Fruchtbare Bäume neigten um seine Scheitel die Zweige,
Voll balsamischer Birnen, Granaten und grüner Oliven,
Oder voll süßer Feigen und rötlichgesprenkelter Äpfel.
Aber sobald sich der Greis aufreckte, der Früchte zu pflücken;
Wirbelte plötzlich der Sturm sie empor zu den schattigen Wolken.“

Homer, »Die Odyssee«, übersetzt von Johann Heinrich Voß

— dh —

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