Die Sonne sinkt. Warm atmet der Fels.

Eine unbekannte Frau nimmt die Haltung einer Statue ein; Original-Fotografie der 40er/50er Jahre

Die Sonne sinkt

1

Nicht lange durstest du noch,
verbranntes Herz!
Verheißung ist in der Luft,
aus unbekannten Mündern bläst mich’s an,
— die große Kühle kommt …

Meine Sonne stand heiß über mir im Mittage
seid mir gegrüßt, daß ihr kommt
ihr plötzlichen Winde
ihr kühlen Geister des Nachmittags!

Die Luft geht fremd und rein.
Schielt nicht mit schiefem
Verführerblick
die Nacht mich an? …
Bleib stark, mein tapfres Herz!
Frag nicht: warum? —

2

Tag meines Lebens!
die Sonne sinkt.
Schon steht die glatte
Flut vergüldet.
Warm atmet der Fels:
schlief wohl zu Mittag
das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?
In grünen Lichtern
spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.

Tag meines Lebens!
gen Abend gehts!
Schon glüht dein Auge
halbgebrochen,
schon quillt deines Taus
Tränengeträufel,
schon läuft still über weiße Meere
deiner Liebe Purpur,
deine letzte zögernde Seligkeit …

3

Heiterkeit, güldene, komm!
du des Todes
heimlichster, süßester Vorgenuß!
— Lief ich zu rasch meines Wegs?
Jetzt erst, wo der Fuß müde ward,
holt dein Blick mich noch ein,
holt dein Glück mich noch ein.

Rings nur Welle und Spiel.
Was je schwer war,
sank in blaue Vergessenheit –
müßig steht nun mein Kahn.
Sturm und Fahrt – wie verlernt’ er das!
Wunsch und Hoffen ertrank,
glatt liegt Seele und Meer.

Siebente Einsamkeit!
Nie empfand ich
näher mir süße Sicherheit,
wärmer der Sonne Blick.
— Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
Silbern, leicht, ein Fisch,
schwimmt nun mein Nachen hinaus …

Friedrich Nietzsche

 

Diese Fotografie ist etwas Besonderes und verdient Nietzsche-Zeilen. Eine junge Frau im Badeanzug nimmt die Haltung einer weiblichen Statue ein. Die Köpfe sind gesenkt, die Arme überkreuzt, die Hände liegen auf den Knien. Die Szene wirkt wie eine mystische Sonnenanbetung. Man spürt die ab- und aufsteigende Hitze und die Hingabe an den Moment. Ich muss an Italien oder Kroatien denken. Vielleicht kennt jemand diesen tollen Strandfelsen mit dem Frauenakt …

— dh —

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